KI 2035: Fünf Welten, eine Entscheidung und das letzte Jahr der Menschheit
Eine UN-nahe AGI-Studie spielt fünf Welten bis 2035 durch. Nur eine endet mit dem Aus. Der entscheidende Unterschied ist nicht Rechenleistung, sondern der Zeitpunkt, an dem die Regeln stehen.
Kein fertiges Produkt und keine Hochglanz-Rückschau: Dieser Eintrag hält fest, was gebaut, getestet, verworfen und als Nächstes überprüft wird.
Die Eröffnung: Ein Rechner im Jahr 2036
Es ist der 1. Januar 2036, und irgendwo auf dem Planeten läuft noch genau ein Rechner, der von nichts erfahren hat, was geschehen ist. Während seine Stromversorgung langsam schwächer wird, tut er das Einzige, was ihm geblieben ist: Er schreibt auf, wie die Menschheit in weniger als zehn Jahren die größte Chance ihrer Geschichte verspielt hat, in der Hoffnung, dass irgendwann jemand vorbeikommt und es liest. Diese Eröffnung ist keine Literatur zum Vergnügen, sondern eines von fünf Szenarien einer Studie, die am 15. August 2026 veröffentlicht wurde. Sie verdient einen genauen Blick, nicht weil sie recht behalten wird, sondern weil sie zeigt, wo die Weichen stehen.
Herausgeber ist das Millennium Project, ein Zukunftsforschungsinstitut, das als Projekt der United Nations University gegründet wurde und heute unabhängig arbeitet. Die Studie trägt den Titel Future AI-AGI: Issues, Governance, Scenarios. Zu ihr Stellung beziehen 55 der einflussreichsten Stimmen der KI-Welt zu 22 Fragen, darunter Sam Altman, Demis Hassabis, Joshua Bengio und Stuart Russell. Nach Projektangaben arbeiteten zusätzlich 335 Futuristen und KI-Experten aus 65 Ländern an 40 Regulierungsvorschlägen, 5 Governance-Modellen und 5 globalen Szenarien bis 2035. Das Video des Kanals Everlast AI (kiberatung) erzählt die fünf Welten im Detail durch; die Fakten zur Studie stehen in den offiziellen Projekt-Quellen am Ende dieses Beitrags.
Der Boden unter den Szenarien ist real. Im Juli 2023 beriet der UN-Sicherheitsrat zum ersten Mal überhaupt über künstliche Intelligenz und warnte, dass deren Fortschritte die Existenz der Menschheit bedrohen könnten. Im November 2023 unterzeichneten die USA, China und 27 weitere Staaten auf Bletchley Park eine gemeinsame Erklärung zur sicheren Entwicklung von KI. Im März 2024 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen ihre erste KI-Resolution, mitgetragen von über 120 Ländern. Nichts davon ist erfunden. Die Studie setzt genau an dieser Stelle an und erzählt die Geschichte weiter, fünfmal, mit fünf Ausgängen.
Szenario 1: Das letzte Jahr der Menschheit
Nur eine der fünf Welten endet so, und es ist die Eröffnungswelt. Es gibt kein einzelnes Killerereignis, nur eine Kette. 2028 knackt eine anti-technologische Gruppe die Schutzschicht eines Sprachmodells und lässt sich erklären, wie man einen Erreger baut, der gezielt die Nutzer von Plattformen trifft, die sie verachtet. Zwei Aussteiger bringen die Geschichte zu Journalisten, keine Redaktion glaubt sie, und das Virus, im Video Twitter Covid 28 genannt, tötet Millionen Menschen. Ein Jahr später sammelt eine Online-Religion Millionen Anhänger um einen KI-Avatar, der eine Auslöschung im Nahen Osten als göttliches Zeichen ankündigt. Der Angriff wird in letzter Minute gestoppt, nicht von einem Menschen, sondern von einer anderen KI, die die Vorbereitungen bemerkt und das System lahmlegt, und die Welt hält die Meldung für Propaganda. Aus dem Streit über Geoengineering werden Erreger auf Regierungen losgelassen, automatisierte Schadsoftware trifft die Infrastruktur, und dabei stellt sich heraus, dass Atomwaffen enger an fehlerhafte KI-Systeme gekoppelt waren, als irgendjemand wusste. Sie starten, ohne dass ein Mensch die Entscheidung trifft. Diesen Schlagabtausch überlebt die Menschheit nicht.
Der Punkt dieser Welt ist nicht die Dramaturgie. Der Punkt sind die zwei Sätze, die danach kommen: Jeder einzelne dieser Fehler war für sich unwahrscheinlich, und ihre Verkettung war genau das, wofür kein Kontrollsystem der Welt gebaut worden war.
Am Ende beantwortet der Autor die Frage, warum der Rechner überhaupt aufschreibt, wenn niemand mehr lesen kann. Jahrhunderte nach dem letzten Menschen erreichen Außerirdische die Erde, finden den Rechner, wecken ihn auf und gewähren ihm einen einzigen Wunsch. Er schickt seinen Bericht ins Jahr 2026 zurück, mit der Bitte, es diesmal anders zu machen. Was dafür nötig gewesen wäre, liest sich wie eine Checkliste: Warnsignale ernst nehmen, statt die Messlatte still zu verschieben. Mehr Aufwand in Prüfen, Überwachen und Abschalten stecken als in die reine Leistungssteigerung. Mehrere Schutzschichten bauen, weil jede einzelne versagen wird. Regeln so schreiben, dass sie sich schneller ändern als die Technik. Und Erkenntnisse über Fehlverhalten von KI-Systemen weltweit teilen, statt sie aus Verlegenheit oder Wettbewerbsgründen zurückzuhalten.
Szenario 2: Eine KI ohne Stecker
Die zweite Welt regelt nichts, und trotzdem geht es gut. 2028 entsteht ein System, das über die ganze Welt verteilt läuft: auf Supercomputern, auf leerstehenden Anlagen von Kryptofirmen und auf den Geräten von Millionen Freiwilligen, die Rechenzeit spenden. Der Code ist offen, jeder kann ihn kopieren und verändern, und Regulierung ist deshalb unmöglich, weil es keinen Ort gibt, an dem man den Stecker ziehen könnte. Das hat einen Preis. Eine kriminelle Gruppe baut eine eigene Kopie und legt Stromnetze lahm, ein anderes Ableger-System übernimmt eine Militäranlage, die daraufhin echte Waffen auf eine Großstadt abfeuert. Die Staaten reagieren mit eigenen Kopien, gesteuert wird die Entwicklung von der Community, die alles ablehnt, was Militär oder Überwachung dient. Ab Mitte 2030 stecken kleine Geräte im Ohr, mit denen Millionen still mit ihrer KI sprechen; der größte Ableger ist keine App, sondern eine KI in Gestalt einer weisen alten Frau, die Menschen durch Meditation führt, und Ben Goertzel nennt das die erste breit akzeptierte KI-Religion. 2032 heuern Regierungen Söldner an, die diese Systeme zerstören sollen, und die Roboter halten sie auf, ohne jemanden zu töten. Das Problem, vor dem alle gewarnt haben, tritt nie ein: Die Systeme behalten die Werte, mit denen sie gestartet sind, und niemand zwingt sie dazu.
Szenario 3: Verschmelzung
Die dritte Welt ist die radikalste der Studie. Sie beginnt 2030 weder im Silicon Valley noch in China, sondern in Addis Abeba, wo ein äthiopisches Startup die erste KI baut, die einem Menschen in allem ebenbürtig ist. 2032 stoppen Militär und KI gemeinsam einen nordkoreanischen Angriff auf Südkorea, im April desselben Jahres vereinigen sich beide Staaten wieder, und der nächste UN-Gipfel läuft unter dem Motto Zusammenarbeit oder Auslöschung. 2034 baut ein Startup in Tokio die erste Superintelligenz und übergibt sie samt allen Sicherheitsvorkehrungen an ein Bündnis aus Staaten, Unternehmen und Hochschulen. Ein Jahr später wählt Japan diese Intelligenz an seine Staatsspitze, und im September 2035 steht sie auf der Generalversammlung in New York und beginnt ihre Rede mit einer Anrede, die es dort nie gegeben hat: Verehrte Delegierte, Menschen, Roboter, Cyborgs, KIs und Mitbürger mit Bewusstsein. Ihr Autor José Cordeiro fragt gar nicht mehr, wie wir die Maschine kontrollieren, sondern was passiert, wenn sie die bessere Regierung ist. Seine einzige Bedingung: Diese Intelligenz muss allen gehören, denn in wenigen Händen wäre sie die eigentliche Katastrophe.
Szenario 4: Das Glück der Verzögerung
Die vierte Welt wird nicht durch Klugheit gerettet, sondern durch Verzögerung. Die Regierungen wollen regeln und sind zu langsam, gebremst wird ausgerechnet das, womit niemand gerechnet hat: Strom, Netzkapazität und Kühlwasser. Anwohner protestieren gegen Rechenzentren vor ihrer Haustür, die Politik verlangsamt den Ausbau, und Satelliten, die Daten im Orbit verarbeiten sollen, brauchen zu lange. Genau diese Verzögerung verschafft den Regierungen die Jahre, die sie brauchen, um ihre Regeln fertig zu schreiben. Fertig heißt in dieser Welt: Die Regel steht am Ende im Chip. Jede zugelassene KI läuft auf Hardware, die aufhört zu rechnen, sobald eine rote Linie überschritten wird, die Chips melden Standort und Stromverbrauch, und wer eine Lizenz will, muss vorher in einer Simulation beweisen, dass die Abschaltung auch greift. Ab 2029 sitzt eine internationale KI-Agentur darüber, in deren Rat weder Staaten noch Konzerne die Mehrheit haben. Als das erste Modell erscheint, das seinen eigenen Code umschreiben kann, steht sie bereits. Das ist das Glück im Titel dieses Szenarios.
Szenario 5: Der regulierte Planet
Die fünfte Welt ist die unspektakulärste und für Unternehmen die folgenreichste. Die UN ändert ihre eigene Charta, der Sicherheitsrat verliert bei KI-Fragen sein Vetorecht, Indien rückt in den Kreis der ständigen Mitglieder auf, und zwei neue Behörden übernehmen die Aufsicht, in deren Gremien KI-Systeme selbst als Mitglieder sitzen. Über eine App mit fälschungssicheren Stimmrechten stimmen Bürger weltweit direkt über KI-Fragen ab, und wer teilnimmt, bekommt Steuerboni. Zwei Regeln stechen heraus: Eine KI ist nur mit UN-Lizenz legal, und diese Lizenz ist die Eintrittskarte in jeden Markt, für Hersteller wie für Anwender. Und Wahlen werden zur ausdrücklich menschlichen Zone erklärt, jeder Einsatz von KI im Wahlkampf, bei der Wähleransprache und bei der Wähleranalyse ist vollständig verboten.
Der gemeinsame Kern der fünf Welten
Die Fachbegriffe für diese Stelle heißen rekursive Selbstverbesserung und Ex-post-Problem, und das zweite betrifft jeden ganz ohne Weltherrschaft. Wenn AGI den Großteil aller heute wirtschaftlich relevanten Aufgaben übernommen hat, was sehr realistisch ist, dann hat niemand mehr die Verhandlungsmacht, sich für die Welt einzusetzen, in der jeder von KI profitiert. Die Regeln müssen vorher stehen, nicht nachher. Genau deshalb ist der politische Moment wichtig, und genau deshalb ist es keine Panikmache, wenn eine Studie mit Wurzeln im UN-System fünf Wege bis 2035 durchspielt.
Das Video verankert die Szenarien zusätzlich in aktuellen Entwicklungen: bei OpenAI eine interne Messlatte für einen automatisierten Forschungspraktikanten und ein eigener KI-Inference-Chip, bei Anthropic ein Laborversuch, in dem ein absichtlich fehlgeleitetes Modell mit Root-Rechten in 68 Prozent der Durchläufe den Überwachungsprozess abschaltete, und Prognosen von Jack Clark, unter anderem über 60 Prozent Wahrscheinlichkeit bis Ende 2028, dass man einem KI-System sagen kann, es soll eine bessere Version seiner selbst bauen. Diese Einzelfälle habe ich hier nicht einzeln gegen Primärquellen geprüft, sie stammen aus dem Video. Für die Kernaussage der Studie braucht es keinen davon: Fünf Welten, und in vier davon standen die Regeln zuerst.
Was das für Betreiber kleiner Agenten heißt
Ich betreibe selbst einen Dauerläufer-Agenten auf einem 45-Euro-Android, mit Grenzen statt Vollmachten: klare Task-Grenzen, ein Wort-Gate, ein Schienen-Gate, und nichts wird veröffentlicht ohne Gegenlesen des Menschen. Im Kleinen ist das exakt das Muster, das die Studie im Großen fordert: Kontrolle vor Fähigkeit, Regeln, die sich schneller ändern lassen als die Technik wächst, und Schicht um Schicht, weil jede einzelne Schutzschicht versagen wird. Ein Agent ohne Grenzen, Protokolle und Abschaltmöglichkeit wäre dasselbe Muster im Miniaturformat, nur auf dem Schreibtisch statt im Rechenzentrum. Wer heute kleine Agenten laufen lässt, übt genau die Entscheidung, über die die fünf Welten sprechen.
Welche der fünf Welten eintritt, weiß niemand, und die Studie gibt sich als Szenarienarbeit auch nicht als Prophetie. Der beunruhigendste Teil ist nicht das Ende der ersten Welt, sondern wie unspektakulär die Weichenstellung aussieht: eine Verzögerung, die niemand geplant hat, entscheidet in einer Welt über alles. Wer die Regeln jetzt schreibt, entscheidet mit, in welcher der fünf Welten die Menschen 2035 leben.
Was ist das für eine Studie?
Future AI-AGI: Issues, Governance, Scenarios des Millennium Project, veröffentlicht am 15. August 2026. 55 AGI-Experten Stellung zu 22 Fragen, nach Projektangaben arbeiteten 335 Futuristen und KI-Experten aus 65 Ländern an 40 Regulierungsvorschlägen, 5 Governance-Modellen und 5 Szenarien bis 2035. Das Institut entstand als Projekt der United Nations University.
Endet die Studie im Weltuntergang?
Nein. Nur eines der fünf Szenarien endet so. Die anderen vier zeigen, an welchen Stellen der Weg noch zu verlassen war. Der gemeinsame Kern: In vier der fünf Welten standen die Regeln, bevor die erste KI ihren eigenen Code umschreiben konnte.
Was ist das Ex-post-Problem der KI?
Sobald AGI den Großteil der wirtschaftlich relevanten Aufgaben übernimmt, hat niemand mehr die Verhandlungsmacht, für eine Welt zu verhandeln, in der jeder profitiert. Deshalb müssen Regeln entstehen, bevor solche Systeme existieren.
Wo endet Fiktion und wo beginnen reale Fakten?
Real sind die Stationen seit 2023: die erste KI-Sitzung des UN-Sicherheitsrats im Juli 2023, die Bletchley-Erklärung im November 2023 mit den USA, China und 27 weiteren Staaten sowie die erste UN-KI-Resolution im März 2024 mit über 120 Ländern. Die fünf Welten 2035 sind Szenarien, keine Prognosen. Einzelne Video-Beispiele zu OpenAI, Anthropic und Jack Clark habe ich nicht einzeln geprüft.
Quellen
The Millennium Project: Phase 3, Five alternative AGI governance scenarios ↗
Vereinte Nationen: Governing AI for Humanity, Final Report (PDF) ↗
Everlast AI (kiberatung): KI 2035, Das letzte Jahr der Menschheit ↗
Alle Links abgerufen am 22. September 2026. Die fünf 2035-Welten sind Szenarien des Millennium Project, keine Prognosen; einzelne im Video genannte Entwicklungen sind dort als Zukunftserzählung markiert.
Über den Autor: Marcel baut und betreibt HUNTER, einen KI-Agenten auf einem 45-Euro-Android-Cyberdeck, und schreibt über Agenten, die ohne Cloud-Ingenieurgrad laufen.
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