Phantomstrom: Was 700 Gigawatt Rechenzentrums-Anfragen über die KI-Branche verraten
Rechenzentren haben in den USA über 700 Gigawatt Netzanschluss beantragt, laut Reuters weit mehr als je gebaut wird. Was dieser Phantomstrom verrät, mit Zahlen und eigenen Messwerten vom Cyberdeck.

Am 1. September 2026 hat Reuters eine Zahl veröffentlicht, die wie ein Schreibfehler klingt: Rechenzentren und andere Großverbraucher haben in Teilen der USA Stromanschlüsse mit mehr als 700 Gigawatt beantragt. Das ist laut Reuters mehr als das Zehnfache dessen, was die Branche heute real an Rechenzentrums-Strom verbraucht. Und die Anfragen aus dem mittleren Streifen der USA erreichen grob den Strombedarf aller US-Haushalte zusammen. Ich habe die Auswertung zweimal gelesen, weil ich sie erst nicht geglaubt habe. Dann habe ich die Zahlen gegen offizielle Quellen geprüft und bin fündig geworden: Die US-Energiebehörde rechnet für 2027 mit einem Rekordverbrauch, Texas hat neue Netzanschlüsse für Rechenzentren eingefroren, und ein Versorger nach dem anderen hat seine Nachfrageprognose zusammengestrichen, sobald er Kautionen verlangt hat. Genau dieser Mechanismus ist die Geschichte, und ich gebe ihm einen Namen: Phantomstrom.
Meine These ist unbequem: Die KI-Branche hat an den Stromnetzen eine Rechnung eingereicht, die sie selbst nicht bezahlen wird. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Markt gerade Anfragen mit Ambition verwechselt. Wer eine Anfrage kostenlos stellen kann und eine Kaution erst bei Ernsthaftigkeit zahlt, stellt so viele Anfragen wie möglich. Die Netzbetreiber planen daraufhin Leitungen und Kraftwerke, und am Ende zahlen die Stromkunden für Kapazität, die nie ein Server berührt hat. Reuters nennt das eine Illusion, Texas behandelt es als Prüfverfahren, ich nenne es Phantomstrom. Und ich halte dagegen mit dem einzigen Betriebsbudget, das ich vollständig kenne und selbst messen kann: meinem eigenen.
Was Reuters gefunden hat
Die Auswertung ist der Kern des Berichts, deshalb fasse ich sie hier zusammen. Reuters hat Netzdaten und Aussagen von Versorgern ausgewertet. Die Anfragen von Rechenzentren und anderen sehr großen Stromverbrauchern im mittleren Streifen der USA, also Teilen des Mittleren Westens, der Mid-Atlantik-Region und des Südens, summieren sich auf mehr als 700 Gigawatt. Zum Vergleich der Maßstab: Die gesamte aktuelle Rechenzentrumsleistung der USA wird von der Branche auf grob ein Zehntel dieser Summe geschätzt. Für Texas allein hat der Netzbetreiber ERCOT Anfragen von etwa 48 Gigawatt im Jahr 2023 auf mehr als 474 Gigawatt steigen sehen. Außerhalb von Texas haben zehn der größten Versorger in diesen Regionen, unter ihnen AEP Ohio, Southern Company und PPL, zusammen rund 270 Gigawatt an Anfragen gemeldet, laut Reuters aus den letzten Quartalsberufen an die Investoren. Das Grundproblem der Branche steht im Bericht in Schwarz auf Weiß: Es gibt keinen einheitlichen Standard, wie Versorger diese Anfragen melden. Manche zählen nur Projekte mit unterschriebenem Vertrag, andere zählen jede Anfrage ohne jede Verpflichtung. Wer solche Zählweisen vergleicht, vergleicht keine Zahlen, sondern Stimmungen.
Texas, Ohio und die Kaution als Wahrheitsfilter
Der spannendste Befund ist, was passiert, wenn Netzbetreiber Ernsthaftigkeit einfordern. Texas hat als erster großer Rechenzentrums-Standort neue Netzanschlüsse für Rechenzentren eingefroren und eine Prüfung gestartet, welche Projekte überhaupt echt sind. Der Gouverneur Greg Abbott hatte Anfang August 2026 die Notbremse gezogen, wie die Tagesschau berichtete. Die Folge war sofort messbar: Die Prognose der US-Energiebehörde für den texanischen Strombedarf 2027 fiel von plus 14 Prozent auf plus sechs Prozent. In Ohio hat AEP Ohio nach neuen Landesregeln mit Prüfgebühren für Netzstudien von bis zu 100.000 US-Dollar erlebt, dass die Anfrage-Pipeline für Rechenzentrumsstrom um mehr als die Hälfte geschrumpft ist. Und Exelon hat seine Einstufung wahrscheinlicher Rechenzentrums-Nachfrage in einer Investorenpräsentation vom 30. Juli 2026 um rund 40 Prozent auf 11 Gigawatt gekürzt, nachdem das Unternehmen strengere Sicherheitsleistungen verlangt hatte. Das Muster ist so simpel, dass es fast beleidigt: Verlange eine Anzahlung, und die Fantasie-Anfragen verschwinden. Ich habe den texanischen Baustopp und den Netzanschluss-Stau bereits in einem eigenen Beitrag behandelt, Texas pausiert Rechenzentrumsgenehmigungen, diese Auswertung legt die neuen Zahlen dazu.
Zeitachse: von 48 auf 474 Gigawatt
Der Ablauf lässt sich an Daten festmachen. 2023 lag der Stand der Anfragen beim texanischen Netzbetreiber ERCOT bei etwa 48 Gigawatt. Dann kam der Boom: Reuters zufolge steigt die geplante Ausgabe für KI-Rechenzentren in diesem Jahr auf über 700 Milliarden US-Dollar. Firmen und Grundstückseigner mit Zugang zu Strom oder Netzanschlüssen haben begonnen, diese Welle in Anfragen zu übersetzen, teilweise ohne Geld, ohne Projekt und ohne Expertise, wie es im Bericht heißt. Im März 2026 sagte Thomas Gleeson, Chef der texanischen Aufsichtsbehörde Public Utility Commission, auf einer Branchenkonferenz sinngemäß: Wenn man nicht weiß, was echt ist, weiß man nicht, wofür man die Infrastruktur bauen soll. Im Juli 2026 pausierte New York als erster Bundesstaat vorübergehend den Bau weiterer Hyperscale-Rechenzentren. Am 30. Juli 2026 kürzte Exelon seine wahrscheinliche Nachfrage um 40 Prozent. Anfang August 2026 folgte der texanische Baustopp, und am 1. September 2026 veröffentlichte Reuters die Gesamtauswertung. Sechs Wochen, vier Eingriffe, ein Muster.
Warum Fantasie-Anfragen geschrieben werden
Warum schreibt jemand Anfragen auf 700 Gigawatt, wenn er nicht einmal Land besitzt? Weil der Antrag kostenlos ist und in der Warteschlange zuerst kommt, wer zuerst beantragt. Reuters beschreibt Firmen und Landbesitzer, die auf den Boom spekulieren, Projekte ohne Finanzierung, und Anfragen, die gleichzeitig bei mehreren Versorgern liegen, weil der Antragsteller überall vorläufig sichert. Der Anreiz ist asymmetrisch: Eine abgelehnte Anfrage kostet nichts, aber wer zu spät kommt, verliert den Anschluss. Die Aufsichten warnen deshalb, dass unrealistische Prognosen Strompreise erhöhen und die Netzplanung erschweren, denn Kraftwerke und Leitungen werden nach diesen Zahlen gebaut. Für mich ist das derselbe Mechanismus, den ich in dieser Branche öfter beobachte: Zahlen werden gemeldet, weil sie nützen, nicht weil sie geprüft sind. Benchmarks, Nutzerzahlen, jetzt Netzanschlüsse. Der Unterschied ist nur, dass am Ende der Stromkunde zahlt, über seine Netzentgelte, für Kapazität, die nie ein Server berührt hat.
Wer Nachfrage behauptet, ohne eine Kaution zu hinterlegen, beantragt keinen Stromanschluss, er reserviert Platz in der Warteschlange.
Was das für Deutschlands Stromnetz heißt
Deutschland kann bei diesem Thema nicht entspannt oben drauf gucken. Die Bundesnetzagentur rechnet in ihrem Szenariorahmen inzwischen mit 78 bis 116 Terawattstunden Stromverbrauch für Rechenzentren im Jahr 2037, bis zu zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs, und hat die Schätzung zuletzt kräftig nach oben korrigiert. Die KI-Gigafactory, die die Bundesregierung ins Land holen will, steckt in diesen Zahlen noch gar nicht drin. In Deutschland gibt es rund 2.000 Rechenzentren, über ein Drittel davon hängt in der Region Frankfurt, und dort warten große Neuanschlüsse laut Netzbetreiber bis Mitte der 2030er Jahre, ich habe dazu bereits Frankfurt ist voll: Warum Rechenzentren warten geschrieben. Die Klima-Bilanz kommt von einer Studie der Allianz Trade: 286 Millionen Tonnen CO2 haben Rechenzentren 2025 weltweit verursacht, 57 Prozent mehr als frühere Schätzungen der Internationalen Energieagentur, mehr als 70 Prozent davon allein über den Stromverbrauch. Der Standort entscheidet: Deutsche Rechenzentren stoßen laut Studie 329 Gramm CO2 pro Kilowattstunde aus, Norwegen und Schweden liegen unter 30 Gramm. Dass in einer Umfrage mehr als die Hälfte der Befragten Sorge über den Wasserbedarf von Rechenzentren hat, wundert mich bei diesen Zahlen nicht mehr.
Der Gegenbeweis steht in meinem Betrieb
Jetzt zur Gegenevidenz, die ich beisteuern kann, weil sie auf meinem Schreibtisch steht. Ich betreibe meinen Agenten-Alltag auf einem gebrauchten Google Pixel 6a für 45 Euro, ohne Root, und ich messe den Betrieb seit Wochen, statt ihn zu behaupten. Der Langzeittest am Stück: 88 Stunden Laufzeit vom 28. August 2026, 19:40 Uhr, bis zum 1. September 2026, 12:18 Uhr, mit null OOM-Kills seit der Härtung am 28. August. Über 7 Tage lag die Lebendrate bei 99 Prozent, 170 von 171 stündlichen Checks. Im Snapshot vom 7. September 2026, 7:00 Uhr, stehen wir bei 100 Prozent Lebendrate, 306 von 306 Checks, null Kills und 917 MiB verfügbarem RAM bei 11 laufenden Jobs.
Der Preis dieses Betriebs ist klein, wenn man ihn gegen die Debatte stellt. Die komplette Verarbeitung eines 54-minütigen Videos hat am 4. September 2026 laut Dashboard-Vergleich 0,5 Prozent meines 5-Stunden-Fensters gekostet. Meine Container-Umgebung braucht als Momentaufnahme rund 380 MB RAM, gemessen ohne definierte Workerlast, das ist die ehrliche Grenze der Aussage. Dafür sind auf diesem Weg zwei Projekte mit zusammen 36 von 36 bestandenen Tests verifiziert worden. Ich behaupte natürlich nicht, dass ein Handy ein Rechenzentrum ersetzt: Training passiert in Rechenzentren, und dafür braucht die Welt die großen Anlagen weiter. Aber Agenten-Orchestrierung, Prüfung und Alltag laufen auf diesem Deck in Megabyte und Prozentfenstern, nicht in Gigawatt. Der gesamte Agenten-Stack der Profis läuft deshalb längst auf einem 45-Euro-Handy, und Android, das Prozesse killt, wenn es eng wird, hat mir dabei mehr beigebracht als jede Prognose. Jedes Gigawatt, das als Phantom verpufft, macht die Rechnung für zentrale Mega-Anlagen fragwürdiger und die für dezentrale Ränder sinnvoller.
Wie man die These prüft
Damit das keine Glaubensfrage bleibt, hier mein Prüfplan. Erstens die Quartalsberufe der großen Versorger, angefangen mit Exelon und AEP Ohio, und die Frage, ob die Pipelines nach Kautionen weiter schrumpfen. Zweitens die Warteschlange des texanischen Netzbetreibers ERCOT und das Ergebnis der Prüfung, welche Projekte die Auditierung überleben. Drittens den Szenariorahmen der Bundesnetzagentur und seine nächste Korrektur. Viertens die Kurzfristprognose der US-Energiebehörde, die für 2027 weiterhin 4.391 Terawattstunden erwartet und damit den Rekord hält, unabhängig vom Phantomstreit. Ich lege mich fest: Ich erwarte, dass die nächsten Kautionen die nächste Kürzung bringen. Bleiben die Anfragen trotz Kautionspflicht stabil, war mehr echte Nachfrage drin, als ich unterstelle, und dann schreibe ich hier eine Korrektur.
Häufige Fragen
Was bedeutet Phantomstrom genau?
Phantomstrom ist mein Kurzbegriff für Netzanschluss-Anfragen, die auf Papier existieren, aber kein Geld, kein Projekt und keinen Bau hinter sich haben. Reuters beschreibt Anfragen als möglicherweise doppelt oder von Firmen ohne Finanzierung. Es ist kein technischer Fachbegriff, sondern ein Bild für die Differenz zwischen beantragter und realer Nachfrage.
Sind die 700 Gigawatt also erfunden?
Nein, die Anfragen sind real gestellt worden, das ist der Ausgangspunkt der Reuters-Auswertung vom 1. September 2026. Die offene Frage ist, welcher Anteil davon jemals echter Stromverbrauch wird. Die Summe liegt laut Reuters mehr als zehnmal so hoch wie Schätzungen des heutigen Rechenzentrums-Stromverbrauchs der USA.
Warum nehmen Netzbetreiber solche Anfragen ernst?
Weil sie Infrastruktur planen müssen, lange bevor klar ist, wer von ihnen wirklich Strom bezieht. Falsche Prognosen verteuern laut Aufsichten den Strom und erschweren die Netzplanung. Als Filter haben sich Kautionen und Prüfgebühren erwiesen, bei Exelon fielen danach rund 40 Prozent der als wahrscheinlich eingestuften Nachfrage weg.
Was hat das mit deinem 45-Euro-Handy zu tun?
Mein Cyberdeck ersetzt kein Rechenzentrum und will es nicht ersetzen. Aber mein ganzer Agenten-Alltag läuft darauf mit messbaren Kosten: 0,5 Prozent Fensterbelastung für ein 54-minütiges Video, ein paar hundert Megabyte RAM, null OOM-Kills seit dem 28. August 2026. Je dünnriger die Phantom-Zahlen für zentrale Mega-Anlagen, desto interessanter wird dezentrale Arbeit am Rand.
Was bedeutet das für Deutschland?
Die Bundesnetzagentur rechnet für 2037 mit 78 bis 116 Terawattstunden für Rechenzentren, bis zu zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs, ohne die geplante KI-Gigafactory. In Frankfurt warten große Neuanschlüsse bis Mitte der 2030er Jahre. Deutsche Rechenzentren stoßen laut Allianz-Studie 329 Gramm CO2 pro Kilowattstunde aus, weil der Strommix weiterhin Kohle enthält.
Über den Autor
Ich bin Marcel, Grafikdesigner, und ich betreibe das HUNTER-Cyberdeck auf einem gebrauchten Google Pixel 6a im Alltag. Dieser Beitrag stützt sich auf die Reuters-Auswertung vom 1. September 2026, auf die Energieprognosen der US-Energiebehörde und der Bundesnetzagentur sowie auf die Stability-Snapshots und das Messregister dieses Decks, Stand 7. September 2026. Zuletzt fachlich geprüft am 7. September 2026.